Vibrationen beim Bremsen

Hinweis zu neuen Bremsscheiben

Treten bei thermischer Belastung Vibrationen auf, wird häufig als Ursache eine „verzogene Bremscheibe“ vermutet. Erhält man zudem beim Messen der Bremsscheibendicke unterschiedliche Messwerte, scheint diese Diagnose bestätigt: „Bremsscheibe verzogen“.

Die eigentliche Ursache des oben genannten Phänomens ist jedoch eine andere:

Bremsbeläge der aktuellen Generation sind für adhäsive Reibung ausgelegt. Beim korrekten Einbremsen des Bremsssystems aus Bremsscheibe und Bremsbelag bildet sich aufgrund von Diffusionsvorgängen eine sehr dünne, homogene Schicht aus Belagwerkstoff auf der Reibflächen der Bremsscheibe. Dabei kann es in den Randzonen zu einem Übergang von Werkstoffpartikeln (Diffusion) in beide Richtungen kommen. Dadurch können die chemischen Bindungen zwischen Guss- und Belagwerkstoff aufbrechen oder sogar neu entstehen und es bildet eine neue Grenzschicht aus mehr oder weniger demselben Material. Dieser Vorgang findet kontinuierlich statt.

Bei Nichtbeachtung der Einbremsprozedur sowie Nichteinhaltung der Einfahrphase bilden sich unkontrollierbare und ungleichmäßige Ablagerungen des Reibbelagwerkstoffes auf den Bremsflächen, die eine thermische Überbeanspruchung der Bremsfläche an bestimmten Stellen zur Folge haben. Die ungleichmäßigen Ablagerungen die aus der Oberfläche der Scheibe herausstehen, werden wärmer als das sie umgebende Material. Durch jeden Kontakt des Belags mit der vorderen Kante einer solchen herausstehenden Ablagerung erhöht sich die Temperatur an dieser Stelle. Bei einer Temperatur von 650°C bis 700°C wandelt sich das Gusseisen unter einer solchen Ablagerung in Zementit um und im Kristallgitter des Gusseisens bilden sich Einlagerungen von sehr hartem Eisenkarbid (Fe3C). Bei sehr starker mechanischer und somit auch thermischer Beanspruchung der Bremse wird dieser Prozess immer weiter unterstützt – er schaukelt sich auf. Mit steigender Temperatur dringt der Zementit bei gleichzeitiger Zunahme der Menge tiefer in das Bremsscheibenmaterial ein. Letztendlich führt dieser Vorgang zu den oben genannten Symptomen wie Rubbeln, Pulsieren oder Schlagen der Bremse. Abhilfe kann dann nur ein Erneuern der Bremsscheiben und Bremsbeläge bringen.

Festzuhalten ist, dass die eigentliche Ursache nicht in einer fehlerhaften Bremsscheibe liegt. Der oben beschriebene Prozess wird aufgrund von Montagefehlern, Nichtbeachten der Einfachvorschriften etc. in Gang gesetzt und die ursprünglich einwandfreie Bremsscheibe beschädigt.

Zusätzlicher Hinweis:
Will man Ablagerungen, die ohne optische Hilfsmittel in der Regel kaum bzw. gar nicht sichtbar sind, durch abrassive Maßnahmen (z.B. Abschleifen) entfernen, würde sich der Zustand der Bremsscheibe zusätzlich verschlechtern, da hierdurch Schleifpartikel in die Randschichten der Reibfläche der Bremsscheibe eindringen. Aus gleichem Grund sollten diese Ablagerungen auch nicht mittels Sandstrahlen entfernt werden.
Folglich ist das Einfahren der Bremse zwingend erforderlich.

Einfahrhinweise:
Folgende Einfahrhinweise werden empfohlen, um eine sichere und einwandfreie Funktion des Bremssystems Bremsscheibe/ Bremsbelag zu gewährleisten:

  • Einfahrvorgänge auf Straßenabschnitten durchführen, welche die nachfolgend aufgeführten Fahrmanöver sicher und innerhalb der Regelungen gemäß StVO erlauben.
  • Harte Bremsungen sind während der ersten 300km Fahrstrecke nach dem Wechsel der Bremsscheiben zu vermeiden.
  • Durch moderates Einfahren bzw Einbremsen erfolgt eine schrittweise Erwärmung der Bremsscheibe ohne Wärmeschock und die Anpassung der Reibflächen von Bremsscheibe und Bremsbelag zueinander.
  • Mindestens 30 Bremsungen aus mittlerer Geschwindigkeit (ca. 100 km/h) bei mäßiger Verzögerung (max. Bremsdauer 3 Sekunden) auf anfangs 50 km/h, nach ungefähr der Hälfte der Bremsungen auf 25km/h, durchführen. Dabei Bremscheibe zwischen den einzelnen Bremszyklen ca. 3 Minuten über den Fahrtwind abkühlen lassen.

Bei Nichtbeachtung dieser Hinweise wird keine Gewährleistung übernommen, wenn dadurch Schäden am Produkt entstehen, Dritte geschädigt werden oder zu Schaden kommen. Ferner wird ebenfalls keine Gewährleistung übernommen, wenn Schäden und/oder Mängel auftreten, die ursächlich auf intensive Nutzung oder individuelles Fahrverhalten zurückzuführen sind oder durch nicht zweckbestimmten Einsatz verursacht wurden. (TL)

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: